Japan. Fukushima. Und wir

Am 11. März jährt sich das Große Erdbeben von Ost-Japan zum ersten Mal. Ich erinnere mich noch gut an die schrecklichen Bilder schwimmender Auto- und Betonmassen, überfüllter Flüchtlingslager, der Verwüstung danach. Und natürlich an das Atomkraftwerk Fukushima. In den deutschen Nachrichten muss man mittlerweile schon gezielt suchen nach Neuigkeiten zum Wiederaufbau und dem Stand in Fukushima – was noch lange nicht bedeutet, dass wieder alles in Ordnung wäre.

Kurz nach dem Erdbeben in Japan wurde man hierzulande geradezu überflutet (Wortspiel unbeabsichtigt) mit Informationen zum Thema. Es stellte sich aber bald heraus, dass man jeder Nachricht erstmal kritisch gegenüber stehen sollte: Zur restriktiven Informationspolitik der japanischen Regierung gesellte sich eine weitestgehend sensationsorientierte Berichterstattung der deutschen Medien. Was konnte man also überhaupt noch glauben?

Reinhard Zöllner, Professor der Japanologie an der Universität Bonn, war während der Katastrophe in Tokyo und hat in seinem Buch „Japan. Fukushima. Und wir“ diverse relevante Informationen zusammengetragen. In chronologischer Reihenfolge beschreibt Zöllner den Ablauf der Ereignisse der ersten Tage aus persönlicher wie globaler Sicht. So erfahren wir, u.a., was genau im AKW Fukushima schief gelaufen ist – kurz gesagt eine Aneinanderkettung und Kombination von unglücklichen Ereignissen. Entgegen panikmachender Nachrichten hierzulande lag auch die Radioaktivität in Tokyo nie auf einem gesundheitsschädigendem Niveau.

Sehr interessant ist weiterhin der Zusammenhang zwischen Erdbeben und Religion, wie Zöllner erklärt: Gemäß Legende liegt der japanische Inselbogen auf dem Rücken eines gigantischen Welses (jap. Namazu) und seine Bewegungen bewirken die Erdbeben. Der Shinto-Gott Kashima ist dabei für die Bändigung dieses Welses verantwortlich. Da der Wels nur ruhig ist, wenn sein Schwanz in seinem Maul liegt, muss Kashima einen Keil durch selbige treiben.

Ein Crashkurs in Seismologie gibt Aufschluss über die Hintergründe der Anhäufung von Erdbeben in Japan und den bedeutenden Unterschied zwischen Magnitude und Intensität eines Erdbebens: Die Magnitude gibt eine Quantifizierung der Erdbewegung an, während die Intensität qualitativ die Schäden auf der Erdoberfläche bewertet. Obwohl Japan Vorreiter im Gebiet Seismologie wurde und Bedenken im Hinblick auf die Reaktorsicherheit geäußert wurden, winkte die Industrie, insbesondere Tepco, jedoch ab.

Die Historie der japanischen Atomwirtschaft zeigt auf, wie Atomkraft durch Propaganda legitimiert und verharmlost wurde. Selbst vor Kindern machte man keinen Halt. Kernenergie entwickelte sich zur wichtigsten Energiequelle in Japan. Laut Zöllner war sie ein wesentlicher Grund für den wirtschaftlichen Fortschritt Japans. Nach der nuklearen Katastrophe stellt sich aber natürlich nicht nur hierzulande die Frage, ob man nicht auch ohne Kernenergie auskommt. Aufgrund der starken Abhängigkeit von der Kernergie stellt dieses Unterfangen aber für die Japaner eine deutlich größere Herausforderung als für uns dar.

Zöllner beschäftigt sich auch mit der Fragestellung warum die Japaner trotz der Katastrophe weitestgehend Ruhe bewahren. Diese Verhaltensweise ist uns Deutschen in der Tat etwas fremd. Rationales Denken und starkes Vertrauen bewegt die Japaner aber tendenziell dazu, Anweisungen von Obrigkeiten zu befolgen. Dazu kommt natürlich, dass für Japaner aufgrund der tektonisch ungünstigen Lage der Inselgruppe Erdbeben zum Alltag gehören.

Mit großem Interesse habe ich auch das abschließende Kapitel über die Thematisierung in den Medien, vor sowie nach der Katastrophe, gelesen. Die nukleare Katastrophe wird beispielsweise im Film „Träume“ von Akira Kurosawa aus dem Jahr 1990 in apokalyptischer Weise dargestellt. Obwohl überspitzt, könnte man diese Episode mit dem Titel „Der rote Fuji“ heute tatsächlich als prophetisch deuten. An einigen Beispielen wird schließlich noch einmal die Panikmacherei der deutschen und internationalen Presse nach dem Beben vom 11. März 2011 verdeutlicht. Die hier beschriebene konfuse Berichterstattung stellt zusätzlich die Kompetenz der Journalisten in erschreckendem Maße infrage.

Besonders gefallen an dem Buch von Reinhard Zöllner hat mir die wissenschaftliche Aufarbeitung der Informationen – stets mit präzisen Angaben und Referenzen. Hintergründe und Zusammenhänge werden in verständlicher Weise erklärt und beweisen die Vielseitigkeit der Erdbebenkatastrophe. Und dass eben doch mehr dazu gehört um vernünftig darüber berichten zu können.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s